Rezension zu *„Feucht & Fromm“ von Nana Myrrhe (Ruach Verlag)
Es gibt Bücher, die liest man – und dann gibt es Bücher, die einen lesen.
Feucht & Fromm von Nana Myrrhe gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.
Mit einer Stimme, die gleichzeitig zart und kompromisslos klar ist, erzählt die
Autorin von ihrem Weg durch ein System, das Reinheit über Menschlichkeit stellt. Sie öffnet Türen zu…mehrRezension zu *„Feucht & Fromm“ von Nana Myrrhe (Ruach Verlag)
Es gibt Bücher, die liest man – und dann gibt es Bücher, die einen lesen.
Feucht & Fromm von Nana Myrrhe gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.
Mit einer Stimme, die gleichzeitig zart und kompromisslos klar ist, erzählt die Autorin von ihrem Weg durch ein System, das Reinheit über Menschlichkeit stellt. Sie öffnet Türen zu Räumen, über die sonst geschwiegen wird – mit einer Ehrlichkeit, die unter die Haut geht, und einer genialen Sprache, die man nicht mehr vergisst.
Ich habe mich beim Lesen in unterschiedliche Rollen wieder gefunden. Mal fühlte ich mich ertappt, als Täter, als jemand der selbst diese Purity Culture in seinen Predigten vor vielen Jahren vertreten hat. Ja, vertreten musste. Dann wiederum war es so, als würde man mir einen Schleier von den Augen wegnehmen, weil mir klar wurde, wie ich selber auch Opfer dieser ganzen kranken Theologie geworden bin.
Dieses Buch ist mehr als ein autobiografischer Bericht. Es ist eine Muterklärung, eine poetische Demontage der sogenannten Purity Culture – und ein Liebesbrief an das Leben, die Freiheit und den eigenen Körper. Nana Myrrhe gelingt das Kunststück, Verletzlichkeit in Stärke zu verwandeln und Schmerz in Erkenntnis zu überführen. Mir kullerten beim Lesen mehrfach die Tränen herunter, weil mich der Inhalt so sehr weggeballert hat.
Was mich besonders begeistert:
• Sie schreibt mit einer Wärme, die selbst in den dunkelsten Momenten spürbar bleibt.
• Sie analysiert präzise, wissenschaftlich, ohne je belehrend zu klingen.
• Und sie schafft es, Themen wie Scham, Lust, Glauben und Selbstbestimmung in einen erstaunlich zärtlichen Dialog zu bringen.
Dabei gelingt es ihr, in einer unglaublich schönen und auch literarisch, wohlgeformten Sprache, ihre Texte zu verfassen.
Für mich – als Leser, ehemaliger Prediger, Lehrer und Mensch – ist dieses Buch ein Geschenk.
Es berührt, fordert heraus, inspiriert – und heilt auf eine stille, ehrliche Weise. Und es klärt auf, manchmal in fast brutale Weise, was hinter dem ganzen System einer Körper und sexualfeindlichen Theologie steckt, der in den letzten Jahrzehnten so viele zum Opfer gefallen sind.
Wer sich jemals mit den Spannungen zwischen Spiritualität und Sexualität, zwischen Glauben und Freiheit beschäftigt hat, wird sich hier wiederfinden – und vielleicht ein Stück freier aus der Lektüre hervorgehen.
Mein Fazit:
Ein meisterhaftes, mutiges und zutiefst menschliches Buch.
Es öffnet Herzen, stellt Fragen, lässt keine Schutzschicht unberührt – und genau darin liegt seine Schönheit. Und ich wünschte, es wäre Pflichtlektüre in jedem theologischen Seminar, in jeder Bibelschule, in jedem CVjM Mitarbeiter Kreis, eigentlich in allen christlichen Gruppen, die sich mit jungen Menschen auseinandersetzen.
5/5 Sterne – Ein leuchtendes, befreiendes Werk, das nachhallt – lange nachdem man die letzte Seite gelesen hat.