»Abwesenheit der Gegenwart. Gleichzeitiger Lauf der Vergangenheit und der Zukunft. Dazwischen ein Vakuumkorridor. Eine temporale Anomalie einer Grenzverfahrung.« |7
Die Bachmannpreisgewinnerin von 2012 nimmt es auf mit der Abwesenheit der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Luftleer und
erfüllend zeichnet sie die Trauer um Ihren Geliebten Oleg Jurjew. Sie nähert sich über die Literatur einem…mehr»Abwesenheit der Gegenwart. Gleichzeitiger Lauf der Vergangenheit und der Zukunft. Dazwischen ein Vakuumkorridor. Eine temporale Anomalie einer Grenzverfahrung.« |7
Die Bachmannpreisgewinnerin von 2012 nimmt es auf mit der Abwesenheit der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Luftleer und erfüllend zeichnet sie die Trauer um Ihren Geliebten Oleg Jurjew. Sie nähert sich über die Literatur einem Thema, das viel sagen möchte und meist laut zu schweigen vermag. Dabei ist schon viel gesprochen, geschrieben und geredet worden über jenen Teil des Lebens, der in unser aller Verstummen enden wird. Wie es ist, zurück zu bleiben, zu trauern, weiterzuleben mit der Trauer und gar nicht das Ziel zu haben, sie wieder loszulassen, darum handelt »Gespräch über die Trauer«.
Wenn Martynova von Gespräch schreibt, meint sie einen inneren Monolog, einen nicht verhallenden Dialog mit ihrem verstorbenen Liebsten und den intertextuellen Gedankenaustausch mit Texten über Trauer, die meist selbst schon verstorbene Autor:innen verfassten. Martynova geht ihrem Trauertext nach, sie mischt dabei eigene Tagebucheinträge, essayistische Gedanken mit jenen von relevanten Anderen. Dabei streift sie Fragen der Identität einer russischen Intellektuellen im Exil in Zeiten des Krieges mit der Ukraine, die den Rückzug und die Wahlverwandtschaft zu ihrem Oleg und den anderen Verstorbenen ihrer Profession intensiviert.
Die Eindringlichkeit des Essays ist von wechselhafter Qualität. Er spiegelt die changierende Intensität des aus der Welt gefallen Seins stimmig, doch fällt der Text selbst in alle Richtungen. Mehr Halt oder weniger Text und Themen, dafür prägnantere Passagen hätten mir noch besser gefallen, aber das bräuchte eine andere Verfassung von Autorin und Text.