»Schon im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt waren sich die griechischen Ärzte darüber im Klaren, dass Opium ebenso gefährlich wie euphorisierend wirken konnte, und sie diskutierten, ob das Medikament den hohen Preis, den die Patienten zahlten, wert sei.«
Medikamente sind und waren schon immer von
enormer Bedeutung für die Menschheit. Sie haben dafür gesorgt, dass wir immer älter werden und…mehr»Schon im 3. Jahrhundert vor Christi Geburt waren sich die griechischen Ärzte darüber im Klaren, dass Opium ebenso gefährlich wie euphorisierend wirken konnte, und sie diskutierten, ob das Medikament den hohen Preis, den die Patienten zahlten, wert sei.«
Medikamente sind und waren schon immer von enormer Bedeutung für die Menschheit. Sie haben dafür gesorgt, dass wir immer älter werden und nicht mehr wie die Fliegen an Kinderkrankheiten, Infektionen und Verletzungen sterben. Zumindest in den wohlhabenden Ländern der Welt. 15 % der Weltbevölkerung in wohlhabenden Ländern konsumieren etwa 90 % der weltweiten Medikamente. Und das ist richtig, richtig viel. Allein die Pharmabranche in Deutschland setzte 2018 über 41,5 Mrd. Euro um. Der weltweite Umsatz mit Arzneimitteln lag 2018 bei insgesamt etwa 948,7 Mrd. Euro. (Quelle: BPI Pharma-Daten 2019)
Thomas Hager studierte Mikrobiologie und Immunologie. In diesem Buch stellt er die Biographie von 10 Medikamenten vor, die die Geschichte der Medizin verändert haben. Legale, meist verschreibungspflichtige Mittel stehen dabei im Fokus. Gleichzeitig blickt er auf die Entwicklung der Branche, die Medikamente herstellt.
Schon das erste Kapitel fesselte mich. Opium – seine Geschichte, seine Bedeutung, sowohl für die Menschheit als auch für die Wissenschaft. So führt Thomas Hager aus, wie Opium dazu beitrug, dass sich „die Medizin von einer Kunst zu einer Wissenschaft entwickelte“. Alle Arzneimittel haben zwei Gesichter. Sie können viel Gutes tun, aber auch großen Schaden anrichten. Bereits hier, im ersten Kapitel, wird das überdeutlich und man versteht, wie der Titel des Buchs zustande kam.
Und so interessant geht es weiter. Die Entwicklung der Schutzimpfungen schließt sich an und demonstriert, wie im Zusammenhang mit den ersten Pockenschutzimpfungen auch die ersten „klinischen Studien“ durchgeführt wurden. Weiter geht es über das erste Antibiotikum und die ersten Psychopharmaka bis hin zur aktuellen Königsklasse der Medikamente, den „Monoklonaren Antikörpern“.
Wer jetzt fürchtet, beim Lesen von chemischen Formeln erschlagen zu werden, kann sich entspannen. Alles ist sehr leicht und gut verständlich geschrieben, speziell die Ausflüge in die Geschichte habe ich trotz ernster Thematik als unterhaltsam empfunden. Umgekehrt bedeutet dies, dass Leser „vom Fach“ einiges an Tiefe fehlen könnte, die Zielgruppe liegt beim interessierten Laien.
Als solcher bekommt man einiges geboten. Ich fand es faszinierend, wie sich die Medizin wandelte, vom Ausprobieren hin zum gezielten Forschen, und wie oft Zufälle oder Fehler an bedeutenden Entdeckungen beteiligt waren. Auch die kritischen Worte, die der Autor immer wieder findet, gefielen mir sehr. So führt er beispielsweise aus, wie rentabel „Lifestyle Medikamente“ sind und wieso es für Pharmazeuten interessanter ist, Geld in die Entwicklung von Medikamenten gegen die Symptome des Alterns zu stecken als in die Suche nach neuen Antibiotika. Hager hat zwar nicht die Intention, mit der Keule gegen die Pharmabranche auszuteilen (sie leistet schließlich im wahrsten Sinne des Wortes lebensrettende Arbeit), aber manchmal wird die Medizin auch vom Marketing beeinflusst oder der Fortschritt aus Gewinnstreben ausgebremst.
Ein Blick in die Zukunft rundet alles ab. Hier habe ich staunend von der wachsenden Bedeutung von Biologika gelesen und von „digitalen Arzneimitteln“, bei denen z.B. Medikamente über Sensoren mit Computern verbunden werden. Da schwankt man zwischen Faszination und leichtem Grusel. Aber vermutlich werden wir solche Dinge in einigen Jahrzehnten als völlig normal empfinden. Das zeigt die Geschichte, sehr schön demonstriert in diesem Buch.
Fazit: Spannend, lehrreich und kritisch: Dieser leicht zu lesende Streifzug durch die Geschichte der Arzneimittel hat mir sehr gefallen.