Zwischen Galgen und Schatzkarten – eine packende Reise in die Welt der Freibeuter
Johann Christian Lotters Roman „Im Bann der Freibeuter“ eröffnet mit einer Szene, die den Ton für die ganze Geschichte vorgibt: Wir erleben, wie Richard Kreuzner Zeuge einer Hinrichtung wird, bei der sein Mitfahrer
Thursday Spring in die Themse springt, um dem Galgen zu entgehen. Schon hier spürt man das Spiel mit…mehrZwischen Galgen und Schatzkarten – eine packende Reise in die Welt der Freibeuter
Johann Christian Lotters Roman „Im Bann der Freibeuter“ eröffnet mit einer Szene, die den Ton für die ganze Geschichte vorgibt: Wir erleben, wie Richard Kreuzner Zeuge einer Hinrichtung wird, bei der sein Mitfahrer Thursday Spring in die Themse springt, um dem Galgen zu entgehen. Schon hier spürt man das Spiel mit Leben und Tod, mit Mut und Verzweiflung, das den Roman durchzieht. Interessant ist auch das Detail, dass es nur fünf Plätze für sechs Gehängte gibt und ausgerechnet der berüchtigte Kapitän Kidd fehlt – ein Hinweis darauf, dass nicht alles so geradlinig ist, wie es zunächst scheint.
Das Buch selbst ist als Rückblick Richards erzählt: Wir erfahren von seiner Kindheit in Deutschland, wo er als Sohn eines ausbeuterischen Silberminenbesitzers aufwächst. Seine Mutter stirbt bei der Geburt, und Richard zieht sich in die Welt der Bücher zurück. Er ist ein Bücherwurm, der lieber im Laden stöbert und lernt, statt wie sein Vater harte Geschäfte zu führen. Doch mit 15 Jahren zwingt ihn der Vater zur Minenarbeit– ein Wendepunkt, der sein Leben grundlegend verändert. Nach einem Unfall verlässt Richard seinen Vater und kehrt nicht zurück, sondern schlägt sich nach London durch, wo er den Beruf des Bibliothekars anstrebt. Ironischerweise heuert er auf einem Schiff an, das er erst später als Piratenschiff erkennt. Damit beginnt sein eigentliches Abenteuer: die Begegnung mit gefährlichen Männern, exotischen Orten und der ständigen Frage nach Loyalität und Freiheit.
Lotter schildert diese Entwicklung mit großem Detailreichtum und spürbarer Begeisterung für historische Piratenstoffe. Der Schreibstil ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, da er etwas ausschweifend und altertümlich wirkt, doch schon nach wenigen Kapiteln gewöhnt man sich daran und wird mit einer dichten Atmosphäre belohnt. Besonders die langen Kapitel können eine Herausforderung sein, da sie eher episch aufgebaut sind, aber gleichzeitig steigern sie das Gefühl, mitten in einer großen, unaufhaltsamen Welle von Ereignissen zu stehen.
Inhaltlich überzeugt der Roman durch eine gelungene Mischung aus Abenteuer, geschichtlichem Hintergrund und Charakterentwicklung. Richard ist keine stereotype Heldenfigur, sondern ein nachdenklicher, belesener junger Mann, der durch Zufälle und Entscheidungen in eine Welt gerät, die eigentlich nicht die seine ist. Gerade dieser Gegensatz – der Bücherfreund, der zum Piraten wird – macht den Reiz der Geschichte aus.
„Im Bann der Freibeuter“ ist also nicht nur eine klassische Piratengeschichte, sondern auch ein Entwicklungsroman, der von der Suche nach Identität und Freiheit erzählt. Wer sich auf den Stil einlässt, wird mit einem fesselnden und atmosphärischen Werk belohnt, das einen noch lange nach dem Zuklappen des Buches beschäftigt.