Trauma und Folgen
„Tiger“ von Polly Clark hatte mich richtig begeistert. Von daher war ich natürlich sehr euphorisiert als ich von dem neuen Roman von Polly Clark hörte. Ich habe mich sehr auf die Lektüre gefreut. Vielleicht waren da Erwartungshaltungen. Sicherlich hatte ich diese im Hinblick auf
„Ocean – Gefangen im Blau“. Und sind Erwartungshaltungen immer gut? In meinen Augen meist eher…mehrTrauma und Folgen
„Tiger“ von Polly Clark hatte mich richtig begeistert. Von daher war ich natürlich sehr euphorisiert als ich von dem neuen Roman von Polly Clark hörte. Ich habe mich sehr auf die Lektüre gefreut. Vielleicht waren da Erwartungshaltungen. Sicherlich hatte ich diese im Hinblick auf „Ocean – Gefangen im Blau“. Und sind Erwartungshaltungen immer gut? In meinen Augen meist eher weniger.
Ich muss leider sagen ich habe mir hier etwas Anderes vorgestellt, hab etwas Anderes erwartet, mir etwas Anderes gewünscht. Leider.
Nun zu „Ocean – Gefangen im Blau“. Von Blicken auf die Zerbrechlichkeit einer Familie und Blicken auf die Wucht der Natur wird in Verbindung zu diesem Buch gesprochen, genau dies bekommt man auch in der Lektüre des Buches serviert. Dies überzeugt mich auch. Allerdings ist da noch mehr. Denn auch traumatische Entwicklungen stehen in dem Buch zentral. Sicherlich möchte man so einem Erleben entfliehen und irgendwie neu beginnen. Auch das kann ich nachvollziehen. Aber setzt man dann wirklich alles aufs Spiel, noch dazu, wenn man bemerkt, dass in der eigenen Gefühlswelt Veränderungen eingezogen sind, die die eigene sichere Position im bisherigen sozialen Konstrukt in Frage stellen? Sicher spielt ein Fluchtreflex hier eine große Rolle und auch der Versuch sich alles rosarot malen zu wollen. Und auch das erlittene Trauma darf man hier nicht vergessen. Klar.
Dennoch hatte ich im Gesamtblick irgendwie das Gefühl, dass hier eben nicht alles völlig stimmig zusammenpasst. Klar kann man sagen, also das gibt es nicht. Gerade in der Arbeit in der Psychiatrie und auch im eigenen Erleben habe ich gelernt, dass es eigentlich fast alles gibt. Auch nicht vollkommen stimmiges Verhalten. Denn wer ist schon vollkommen? Klar kann man sich am Tun von Helen reiben, sie beurteilen, sie verurteilen. Aber man darf auch das Glashaus und die Steine nicht vergessen. Dieser Gedanke macht mich wieder wohlwollender zu „Ocean – Gefangen im Blau“, wohlwollender zur Figur Helen. Dennoch. Es verbleibt leider ein Gedanke, dass in diese Geschichte einfach Zuviel hineingeschrieben wurde. Und das finde ich für mich sehr schade. Denn ich hatte mich auf dieses Buch sehr gefreut. Und ich wollte, dass mir „Ocean – Gefangen im Blau“ so sehr gefällt, wie es mir seinerzeit mit „Tiger“ erging. Der Wunsch wurde mir leider nicht erfüllt. Sicherlich auch aus meiner Erwartungshaltung heraus.
Dennoch vergebe ich für „Ocean – Gefangen im Blau“ ganze vier Sterne. Warum ich das gemacht habe. Nun, bei der ganzen bisher erwähnten Kritik muss ich aber sagen, dass dieses Buch unheimlich spannend geschrieben ist. Man mag es nicht weglegen, man möchte wissen, wie es weitergeht, man befindet sich während der Lektüre in einem unheimlichen Sog. Dieser Sog ist fast noch etwas stärker als damals bei „Tiger“. Der Begriff unheimlich passt auch noch aus einem anderen Grund sehr gut. Denn irgendwie ist die Handlung auch etwas unheimlich, fast kann man sie schon etwas albtraumhaft nennen. Denn Helen befindet sich in einem Albtraum, in einem traumatischen Erleben. Ein Erleben, welches dem Wunsch mehr Gewichtung gibt als dem vorhandenen realen Geschehen. Auch dies sollte man in seiner Beurteilung nicht vergessen. Ein Leben, welches Helen keine Ruhe gönnt. Auch selbst induziert. Ja. Vielleicht ist das Alles auch etwas zu viel. Vielleicht. Aber heißt das auch, dass es das im realen Leben nicht geben könnte. Denn wer kann das bewerten. Ich nicht. Und deshalb gibt es von mir 4 satte Sterne für „Ocean – Gefangen im Blau“! Lest und urteilt selbst!
Noch etwas zum Charakter Helen und zum von der Leserschaft erlebten Zuviel, sie erleidet einen tragischen Verlust, sie verliert ihr Kind. Doch nicht nur das, dies geschieht bei einem Terrorakt. Man könnte also von einem doppelten Trauma sprechen. Dass so etwas krank macht ist völlig nachvollziehbar. Doch hier sieht man nicht nur eine posttraumatische Belastungsreaktion. Hier sieht man auch ein depressives und auch wahnhaftes Erleben, Helens Sicht auf ihre Rettung deutet für mich dahin. Da dies vollkommen ungehindert und nicht völlig behandelt ausgelebt wird, kommt in diese Gemengelage der Ehemann Frank hinzu, der ja mit der schriftlichen Ausdrucksweise von Helens Wahn zuhause eingebunden wird. Was macht das wohl mit ihm? Helens Wahn musste aus der Geschichte fliegen um dann die Fahrt mit der Yacht zu ermöglichen. Wie schafft man dies plausibel? Die Geschehnisse auf der Yacht sind dann das eigentlich zu Erzählende, welches auch nicht stimmig rübergekommen wäre, ohne die Vorgeschichte. Helens Wahn, Helens Depression und Helens PTBS können ebenso unter den Geschehnissen an Bord vorübergehend in den Hintergrund treten. Von daher, auch wenn hier wirklich alles als sehr viel rüberkommt, letztlich musste dies alles wohl genauso sein, genauso stattfinden.