Venedig, zu Beginn des Jahres 1900: Der mäßig erfolgreiche Schriftsteller Evelyn Dolman und seine Frau Laura, Tochter eines verstorbenen Ölmagnaten, verbringen die ersten Monate des 20. Jahrhunderts in der Lagunenstadt. Ihr Gastgeber ist der mysteriöse Graf Barbarigo, der das Paar in seinem Palazzo
Dioscuri empfängt. Nicht nur der schwer über der Stadt liegende Nebel drückt auf Evelyns Gemüt. Die…mehrVenedig, zu Beginn des Jahres 1900: Der mäßig erfolgreiche Schriftsteller Evelyn Dolman und seine Frau Laura, Tochter eines verstorbenen Ölmagnaten, verbringen die ersten Monate des 20. Jahrhunderts in der Lagunenstadt. Ihr Gastgeber ist der mysteriöse Graf Barbarigo, der das Paar in seinem Palazzo Dioscuri empfängt. Nicht nur der schwer über der Stadt liegende Nebel drückt auf Evelyns Gemüt. Die Ehe verläuft alles andere als glücklich, und Laura benötigt den Urlaub, um sich vom Tod des Vaters und ihrer dazugehörigen Enterbung zu erholen. Als sich Evelyn auf einen Streifzug durch das Nachtleben Venedigs begibt, kommt es zu einer Begegnung, die nicht nur für ihn gravierende Konsequenzen hat…
“Schatten der Gondeln” ist der neue Roman von John Banville, der in der deutschen Übersetzung aus dem Englischen von Elke Link bei Kiepenheuer & Witsch erschienen ist. Banville verknüpft darin äußerst gekonnt Themen der Romantik mit Motiven der Genreliteratur und macht daraus eine literarische Liebeserklärung an den klassischen Schauerroman. Nicht von ungefähr ist den “Venetian Vespers”, so der Originaltitel, als Motto ein Auszug aus Henry James’ “Die Drehung der Schraube” vorangestellt.
Schwer wabert der Nebel über Venedig, schwarze Seide legt sich über einen Marmortisch. Quietschende Türen, Frauen in Umhängen, ein Gesicht am Fenster, ein heruntergekommener Palazzo und ein Gastgeber, der sich als eine Art Wiederauferstehung des Grafen Dracula präsentiert. Früh stellt John Banville die Weichen für 380 Seiten feinster literarischer Unterhaltung, die die Leser von Beginn an in ihren Bann ziehen. Auch sprachlich versteht es der Autor gekonnt, sich in die Zeit der Handlung zu versetzen und erinnert nicht selten an Bram Stoker.
Dabei macht es einem die Hauptfigur alles andere als leicht. Denn dieser Evelyn Dolman ist ein Unsympath, wie er im Buche steht. Arrogant, überheblich und mit einer ständigen Klage über seine Opferrolle müsste er einem eigentlich fürchterlich auf die Nerven fallen. Hinzu kommt, dass er sich als Ich-Erzähler äußerst unzuverlässig präsentiert. Dennoch gelingt es Banville auf beeindruckende Weise, dass man diesem Evelyn - natürlich ist bei diesem Vornamen auch seine verletzte Männlichkeit immer wieder Thema - fasziniert folgt. Das liegt auch am Humor Dolmans und der feinen Komik, die Banville immer wieder dosiert einsetzt.
Nun ist es tatsächlich am besten, “Schatten der Gondeln” ohne jegliches Vorwissen über die Handlung zu genießen. Dennoch komme ich nicht umhin, auf zwei weitere zentrale Figuren des Werkes eingehen zu müssen, um Banvilles Verneigung vor den Klassikern zu verdeutlichen. Vorhang auf für Frederick FitzHerbert - mit einem großen H - und seine Schwester Francesca, das vielleicht hinreißendste Zwillingspärchen seit Stephen Kings “The Shining”. Freddie und Cesca mischen nicht nur den armen Evelyn ordentlich auf, sondern beleben den Roman mit ihrer Mischung aus Charisma, Verwegenheit und einer gehörigen Prise ausschweifender Erotik. Gemeinsam sind sie eine Art lebendige Variante von Peter Quint und Miss Jessel aus Henry James’ “Drehung der Schraube”. Womit wir wieder bei der Verneigung vor dem klassischen Schauerroman wären.
Es ist ein großer Spaß, all die kleinen Anspielungen und Verweise auf die literarischen Vorbilder im Text Banvilles zu suchen, und sicherlich habe ich bei Weitem nicht alle entdeckt. Neben den schon erwähnten sei auf jeden Fall noch auf die “Zwergin” hingewiesen, die Evelyn während eines Fieberausbruchs pflegt und Daphne du Mauriers “Don’t Look Now” (Wenn die Gondeln Trauer tragen) gebührende Ehre erweist. Und natürlich darf auch der Ausbruch einer venezianischen Seuche nicht fehlen. Doch anders als bei Thomas Mann ist diesmal kein rettender - oder unheilbringender - Tadzio in Sicht.
Spannend ist auch das Spiel, das Banville mit den Namen betreibt. Als wäre Evelyn nicht schon feminin genug, lautete Dolmans Spottname in der Schule einst Dolly. Der Palazzo Dioscuri erinnert nicht nur an die italienische Dunkelheit “Oscurità”, sondern auch an die Zwillinge Castor und Pollux aus der griechischen Mythologie, Dioskuren genannt. Auch hier greift Banville auf das Symbol der Zwillinge zurück, das Cesca und Freddie ebenso fortführen wie Lauras Schwester Thomasina, deren Name - natürlich - “Zwilling” bedeutet.
Mit “Schatten der Gondeln” gelingt John Banville insgesamt ein großartiger Roman voller literarischer Verweise und Anspielungen, der Lust macht, wirklich jedes einzelne Rätsel des Buches lösen zu wollen. Die immer spannende und mysteriöse Handlung wird durch die bunten und komplexen Figuren wunderbar ergänzt. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass das Werk völlig unvorhersehbar ist, selbst wenn man schon einige Schauergeschichten gelesen haben sollte.