Kein musikgeschichtliches Kompendium, sondern kurzweiliger, feinsezierender, zitatereicher Abriss popkultureller Einflüsse und Relevanzen.
Von süßlicher Fernwehschlagerverklärtheit bis aggressiver Identitätsbekundung
"Yeah, yeah, yeah."
Jens Balzer belegt anhand zahlreicher Beispiele und
Liedzitate Einfluss und Entwicklung der deutschen Musikkultur zwischen züchtiger,…mehrKein musikgeschichtliches Kompendium, sondern kurzweiliger, feinsezierender, zitatereicher Abriss popkultureller Einflüsse und Relevanzen.
Von süßlicher Fernwehschlagerverklärtheit bis aggressiver Identitätsbekundung
"Yeah, yeah, yeah."
Jens Balzer belegt anhand zahlreicher Beispiele und Liedzitate Einfluss und Entwicklung der deutschen Musikkultur zwischen züchtiger, romantisch-verbrämter Nachkriegsschlagervergessenheit und hypermännlicher, vor Aggression strotzender Identitätssuche. Das ist ebenso unterhaltsam zu lesen, wie erkenntnisreich, denn er konzentriert sich - anders als der Buchtitel vermuten lässt - nicht auf tatsächlich einer breiten Gesellschaft bekannte "musikalische Zeugnisse", sondern räumt insbesondere der eher unbekannten "Untergrundkultur" Platz ein.
Obwohl mir im gesamten Text etwas zu oft das Wort "reüssieren" (vielleicht gibt es aber auch einfach kein gutes Äquivalent dazu) vorkam, fand ich ihn (obwohl mir viele Bands/Künstler:innen nicht mal namentlich ein Begriff waren) interessant und einen großen Bogen über 50 Jahre Musikgeschichte spannend.
Der Autor wird an keiner Stelle hämisch oder überlegen, sondern begibt sich mit feiner Ironie und ausgeprägtem Hintergrundwissen auf die Suche nach relevanten Strömungen, liefert gut erklärte Zusammenhänge und zeichnet nebenbei das Bild einer sich entwickelnden Gesellschaft, deren Wertesystem sich einerseits stark an einem tradierten Rollenverständnis orientiert und von diesem geprägt ist, andererseits aber mit (kultureller) Aneignung spielt und somit diverser wird.
Besonders imponiert haben mir Wortwitz und die messerscharfe Treffsicherheit Balzers, mit ein, zwei Begrifflichkeiten genau das Störgefühl zu benennen, das ich beim "Rezipieren" bestimmter Texte habe, aber nicht so recht fokussieren kann.
Jens Balzer lässt mit diesem schmalen Buch sprachliche und kulturelle Entwicklung anhand ausgewählter Songtextzitate greifbar werden und überrascht mit Beispielen, die vielen Leser:innen unbekannt sein dürften.