Blinder Fleck
Habeck beginnt spektakulär mit dem Gedanken, dass erst durch Al Gores Film über den Klimawandel 2006 die Republikaner zu einer Gegenposition gezwungen wurden und so die Leugnung Trumps des Phänomens erst möglich wurde. Der Autor stellt die Frage, ob Politik nicht mehr erreicht, wenn
sie das ganze Volk mitnimmt anstatt die Bevölkerung zu spalten. Seine These belegt der Autor mit…mehrBlinder Fleck
Habeck beginnt spektakulär mit dem Gedanken, dass erst durch Al Gores Film über den Klimawandel 2006 die Republikaner zu einer Gegenposition gezwungen wurden und so die Leugnung Trumps des Phänomens erst möglich wurde. Der Autor stellt die Frage, ob Politik nicht mehr erreicht, wenn sie das ganze Volk mitnimmt anstatt die Bevölkerung zu spalten. Seine These belegt der Autor mit seiner Arbeit als Minister beim Bau von Stromtrassen oder in der Fischerei und Landwirtschaft und unterscheidet zwischen einer gesellschaftlichen und einer politischen Mehrheit (315).
Aber diesen Gedanken hält er nicht durch. In diesem gegenderten Buch, selbst die Arbeiter erhalten ein Sternchen mit der Anmerkung, dass es fast immer männliche Arbeiter waren (143), lese ich: „Ich ahne auch, dass sich einige über das Gendersternchen ärgern, die ich in diesem Buch benutze, obwohl sie ja eigentlich niemandem wehtun.“ (254) Damit ist für ihn das Thema vom Tisch. Aber dieses Argument ist ein Nullargument. Sie nicht zu verwenden tut auch keinem weh. Die wahre Intuition ist, dass die Psychologie herausgefunden hat, dass wir beim männlichen Plural häufiger nur an Männer denken. Wer zwischen weiblichen und männlichen Plural wechselt, verdeutlicht, dass im Plural beide Geschlechter gemeint sind. So hätte Habeck auf das Sternchen - das zwar leicht zu schreiben, aber schwer auszusprechen ist - verzichten können. Ich glaube, dass es sich in Wahrheit um ein Grünensternchen handelt. Habeck bekäme große Probleme mit den Feministen seiner Partei, wenn er anders schriebe.
In seinem letzten Buch beschwerte sich der Grünen-Chef teilweise zurecht über die Sprache der AfD. Aber auch die Grünen spalten mit ihrem * und dem Verbot des N-Wortes die Gesellschaft. Und wer das Zigeunerschnitzel von der Karte streicht, erreicht nichts gegen die Diskriminierung von Sinti und Roma. Die Folge ist letztlich die „Cancel Culture“, die die brave Kabarettistin Lisa Eckart zu einer Veranstaltung in Hamburg auslud. Vergessen wir nicht, dass auch die Grünen mit Euphemismen wie „Ehe für alle“ arbeiten, was in Wahrheit nur ein Adoptionsrecht für Lesben und Schwule ist. „Bringe ich die Kraft auf, manchmal auch mit meiner eigenen Interessengruppe nicht übereinzustimmen?“ fragt der Autor auf S.312. Während der Tübinger Oberbürgermeister hier klar mit ja antworten könnte, mag ich Habeck nur ein teilweise zugestehen.
Abgesehen von diesem sprachlichen Unsinn hat mir die Analyse der Gesellschaft sehr gut gefallen. Nicht nur ökonomisch, auch zwischen Stadt und Land verschärfen sich die Gegensätze. Und während es durch höhere Bildungsabschlüsse in den 70ern und 80ern im Fahrstuhl für alle nach oben ging, spricht Habeck vom Paternoster, weil der Hauptschulabschluss nichts mehr wert und selbst der Studienabschluss weniger wert ist, da es mehr Studierende gibt.
Soziologisch lässt sich der Wertekanon der politischen Mitte der Nachkriegszeit nicht mehr halten. Habecks Sorge um die liberale Demokratie teile ich. Als Minister habe er Betroffenen ernst genommen, um so Veränderungen leichter durchzusetzen (338). Über die direkte Demokratie hätte er etwas mehr schreiben können. Er meint, im hohen Norden hätte es direkt eine Abstimmung gegen die Rechtschreibreform gegeben (348), was auch nicht der Weisheit letzter Schluss sei. Die Idee der Bürgerräte überzeugt mich aber auch nicht vollständig, weil mich deren Auswahl wenig überzeugt. Wer lost, der diskutiert vielleicht nur uninteressierten Bürger zum Thema und wer nach Vorwissen auswählt, der hat wieder einen Expertenrat. Als Bürger der Stadt Heidelberg, kann ich mit der großen Mehrheit der Bewohner sagen, dass die Verwaltung nach 4 verlorenen Bürgerentscheiden immer eine bessere Lösung gefunden hat. Ich bin für direkte Demokratie, die in der Kommune anfängt.
Aus Platzmangel sind die Schwächen diesen klugen Buches ausführlicher dargestellt als die Stärken. Selbst über die Stärke von Schachcomputern weiß Habeck Bescheid. 4 Sterne