Kriminaldirektor a. D. Manz lebt in der Nähe von Dresden, wo er leidenschaftlich rudert und sich mit seinem Ruhestand arrangiert hat. Als ein Brief der Staatsanwaltschaft Berlin eingeht, hat die Beschaulichkeit ein Ende. Der 73-Jährige muss vor Gericht aussagen, denn in seinem letzten Berliner Fall
vor der Versetzung nach Dresden haben sich dank eines DNA-Gutachtens neue Hinweise ergeben.…mehrKriminaldirektor a. D. Manz lebt in der Nähe von Dresden, wo er leidenschaftlich rudert und sich mit seinem Ruhestand arrangiert hat. Als ein Brief der Staatsanwaltschaft Berlin eingeht, hat die Beschaulichkeit ein Ende. Der 73-Jährige muss vor Gericht aussagen, denn in seinem letzten Berliner Fall vor der Versetzung nach Dresden haben sich dank eines DNA-Gutachtens neue Hinweise ergeben. Allerdings liegt das Verbrechen mittlerweile fast 30 Jahre zurück. Und so liest sich Manz ein in die Akten des damaligen Falles und versinkt dabei fast unmerklich nach und nach in der Vergangenheit...
"Ein alter Fall von Kriminaldirektor a. D. Manz" ist der Untertitel von Matthias Wittekindts neuem Kriminalroman "Vor Gericht". Und so unspektakulär dieser Untertitel auf dem ersten Blick anmutet, so wunderbar aus der Zeit gefallen ist der gesamte Roman. Wittekindt nimmt sich viel Zeit für die Einführung seines Protagonisten Manz, dessen Vorname im gesamten Buch nur ein einziges Mal auftaucht. So wird aus dem Kriminaldirektor a. D. ein wunderbar vielschichtiger Charakter. Ein Mann, der sich im Privatleben einen Fehltritt erlaubt hat, dessen Genauigkeit im Beruf aber über jeden Zweifel erhaben scheint. So glaubt es auch Manz selbst lange Zeit, ehe im letzten Drittel des Romans auch hier der große Selbstzweifel einsetzt. Wenn Manz in die Vergangenheit eintaucht, darüber die Gegenwart fast vergisst, Selbstgespräche führt und ihn eine große Melancholie überfällt, nimmt der Leser Anteil an dieser Figur mit all ihren Fehlern und Schwächen.
Der Roman selbst ist in zwei Teile gegliedert. Im längeren ersten Teil vermischen sich Manz' Gegenwart mit dem Studium der Akten. In Rückblicken zeigt Wittekindt detailliert die verschiedenen Verhöre auf und baut dadurch trotz - oder gerade wegen - dieser Details und der dazugehörigen Langsamkeit eine intensive Spannung auf. Fast folgerichtig scheint die Veröffentlichung von "Vor Gericht" im Kampa-Verlag zu sein, dem Verlag, der Georges Simenons Maigret zurück in die Gegenwart holte. Mehr als einmal erinnern diese ausschweifenden Verhöre an den belgischen Meister. Wunderbar gelungen ist in diesem Zusammenhang auch die ambivalente Charakterisierung des Mordopfers Regina Zeisig. Eine Frau, die Wahlwerbung für die Republikaner betreibt, aber Armenpakete nach Osteuropa schickt. Eine Vegetarierin mit Lust auf Currywurst und weniger Lust auf Hähnchen.
Der zweite Teil, der etwa 100 Seiten einnimmt, spielt dann vor dem Berliner Gericht. Ohne große Brüche lässt Wittekindt seine Leser*innen am Verhandlungsverlauf teilnehmen, erfasst jede Regung - und stürzt sie gemeinsam mit Manz in ein Meer aus Zweifeln.
Mit "Vor Gericht" ist Matthias Wittekindt somit abermals ein großer Wurf der deutschen Kriminalliteratur gelungen. Tolle Dialoge, starke Figuren und ein rätselhafter Kriminalfall, der laut Anmerkung des Autors lose auf einem wirklich stattgefundenen Prozess basiert, machen den Roman zu einem großen und unterhaltsamen Lesevergnügen.