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In Russland wird Dmitry Glukhovsky per Haftbefehl gesucht. Seine Erzählungen kombinieren Tschechow und Tolstoi mit dem Wahnsinn der Kreml-Propaganda
Wären die Kurzgeschichten Dmitry Glukhovskys Nachrichten aus Russland, sie würden gar nicht weiter auffallen zwischen all dem Wahnsinn, der von dort derzeit über Telegram oder sogar direkt aus dem Kreml verbreitet wird. Zum Beispiel gleich die erste Story „Alles hat seinen Preis“ über Bauarbeiter aus Tadschikistan: In Moskau errichten sie scheinbar ins Endlose wachsende, nie fertig werdende Bürotürme, auf denen ständig irgendwelche Arbeitsunfälle passieren. Denn einer der russischen Geschäftsmänner, die in 7er-BMWs mit Geheimdienst- oder Staatsdienstkennzeichen durch „Moskau City“ brettern, hat erkannt: Am lukrativsten sind diese Arbeiter, wenn man sie nicht arbeiten lässt, sondern sie verkauft.
Also ihre Organe: „Nieren: im Schnitt einhunderttausend Dollar pro Stück, zwei von demselben Spender sind seltsamerweise teurer, gleich zweihundertfünfzigtausend. Eine Leber: zwischen einhundertfünfzig- und dreihunderttausend. Für ein Herz kursieren Preise bis zu dreihundertfünfzigtausend Dollar. Und dann noch die Milz und all der andere Kleinkram.“ Das ist alles eiskalt bis ins letzte Detail durchdacht, denn Tadschiken sind für den Organhandel so gut geeignet, weil sie als Muslime keinen Alkohol trinken, die Arbeit auf dem Bau der reinste Work-out ist und Tadschikistan auch noch eine sehr hohe Geburtenrate hat. „Das Gas wird ihnen irgendwann ausgehen, ihre Ölquellen werden versiegen, aber die Tadschiken selbst werden ewig leben. Sie sind sozusagen selbst ihre einzige natürliche Ressource.“
In anderen Geschichten sollen Nanoroboter über den Wodka in der Bevölkerung verbreitet werden und ein Ufo landet mitten in Moskau, schafft es aber nicht in die Abendnachrichten, weil dort immer nur abwechselnd der Premierminister und der Präsident auftreten; ein Professor findet heraus, dass Gazprom seine Rohstoffe direkt aus der Hölle bezieht und irgendwo ein paar Hundert Kilometer östlich von Moskau ist der „Nationale Führer“ angeblich für eine Reihe unbefleckter Empfängnisse verantwortlich.
Diese Kurzgeschichten, die teilweise über Figuren und Themen locker zusammenhängen, sind schräg und zynisch, manchmal etwas konstruiert und durchaus auch bemüht. Aber sie funktionieren, weil Glukhovsky jede dieser verrückten Ideen mit einer Unbeirrbarkeit durchzieht, als wären es die neuesten Propaganda-Lügen aus dem Kreml.
Das hat einen irritierenden Effekt, auch weil die russische Kurzgeschichte des
19. Jahrhunderts von Autoren wie Anton Tschechow, Lew Tolstoi oder Iwan Turgenjew als einer der Höhepunkte der russischen Kultur gilt. In diese Tradition stellt sich Glukhovsky mit dem betont biederen Titel seiner Sammlung „Geschichten aus der Heimat“ und gleichzeitig aktualisiert er diese Erzählform, denn im Russland der Gegenwart, wo sich die Propaganda auch immer wieder explizit auf die große russische Kultur beruft, scheint vergessen worden zu sein, dass diese Geschichten auch damals schon etwas Subversives hatten.
So sollten die heute etwas langatmig wirkenden Beschreibungen in Geschichten Turgenjews den damaligen Lesern in Moskau und Sankt Petersburg das andere Russland zeigen, das Land der armen Leute, von dem man in den Großstädten sonst nichts mitbekam. Glukhovsky kombiniert diese Literaturtradition nun mit der Haltung der russischen Propaganda, um das Russland der Gegenwart zu beschreiben – gar nicht so unähnlich wie damals Turgenjew.
Die letzte Geschichte der Sammlung spielt in der vorbildlich ausgestatteten Bibliothek eines zweifelnden Apparatschiks, der Besuch von einem alten, kremltreuen Freund bekommt. In den Regalen stehen „fünf Bände Worte und Taten von Wladimir Putin. Kleine Tragödien des Präsidentenberaters Wladislaw Surkow. Gesammelte Werke von Tolstoi. Von Puschkin. Von Dostojewski. Von Leskow. Der redigierte Gogol.“ Dahinter aber lagern die Schriften der Dissidenten, das, was eigentlich, wenn es nach dem Kreml geht, in den Müll, wenn nicht verbrannt gehört. So wie diese Kurzgeschichtensammlung auch.
Dmitry Glukhovsky ist selbst in diesem Jahr in Europa untergetaucht, nachdem in Russland Haftbefehl gegen ihn erlassen worden war. Hier wendet er nun die die Methoden seiner Verfolger an. Wie bei den Lügen der russischen Propaganda wird ein sofort durchschaubarer Schein von Traditionalität und Harmlosigkeit suggeriert. In Wahrheit brodelt aber nur knapp unter der Oberfläche der pure Irrsinn. Glukhovskys „Geschichten aus der Heimat“ sind eigentlich Reportagen aus einem der tieferen Höllenkreise des Wahnsinns, in den sich Russland gerade mit zunehmender Geschwindigkeit hinabzudrehen scheint.
Seine Bilder, wie die vom Organhandel, sind dabei mehr Fakten als Metapher, wenn russischen Rekruten angeblich gesagt wird, sie seien nicht mehr als „Fleisch“ und Jewgenij Prigoschin, Chef der berüchtigten Söldnertruppe „Gruppe Wagner“, über die Feinde Russlands schreibt: „Während unserer punktgenauen Operationen werden wir beide Nieren und die Leber auf einmal entfernen.“ Die Gegenwart Russlands – um von ihr literarisch zu erzählen, muss sie derzeit kaum überhöht werden.
NICOLAS FREUND
Dmitry Glukhovsky: Geschichten aus der Heimat. Aus dem Russischen von
M. David Drevs, Christiane Pöhlmann, Franziska Zwerg. Heyne, München 2022. 448 Seiten, 24 Euro.
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