Mein Hör-Eindruck:
Der Knackpunkt dieses Romans ist der umstrittene Zusatzartikel Nr. 2 der US-amerikanischen Verfassung, die das Recht des Bürgers auf Waffenbesitz absichert, wofür sich die mächtige und finanzstarke Lobby der National Rifle Organisation (NRA) seit Jahren und mit Erfolg einsetzt.
Hier hakt Jo Nesbo ein. Es geht ihm um die Auswirkungen, die das Beharren auf privater Bewaffnung mit…mehrMein Hör-Eindruck:
Der Knackpunkt dieses Romans ist der umstrittene Zusatzartikel Nr. 2 der US-amerikanischen Verfassung, die das Recht des Bürgers auf Waffenbesitz absichert, wofür sich die mächtige und finanzstarke Lobby der National Rifle Organisation (NRA) seit Jahren und mit Erfolg einsetzt. Hier hakt Jo Nesbo ein. Es geht ihm um die Auswirkungen, die das Beharren auf privater Bewaffnung mit sich bringt. Er verlagert die Handlung in die USA, nach Minnesota, wo ein Familienvater seine Familie durch Schießereien bei Straßenkämpfen verliert und erleben muss, dass die Untersuchung des Falls verschleppt und der Rechtsstaat durch Korruption und politische Manöver außer Kraft gesetzt wird. Eine beklemmende Parallele zu den aktuellen Ereignissen in Minnesota...
Hier tritt nun Bob Oz an, eine neue Ermittlerfigur, der den Rachefeldzug des Attentäters gegen Drogenhändler und die Vertreter der Waffenlobby beenden will. Bob Oz ist ein gequälter Mensch, isoliert, cholerisch, zu oft alkoholisiert, von seiner Frau verlassen, durch den Tod der Tochter traumatisiert – kein einfacher Charakter, aber er verfügt über einen klaren moralischen Kompass und ein hohes Maß an Empathie. Seine Suspendierung hindert ihn jedoch nicht daran, auf eigene Faust weiter zu ermitteln, und dieser Stereotyp des einsamen, aber genialischen Ermittlers muss man mögen oder auch nicht.
Eins aber ist unbestritten: Jo Nesbo ist ein versierter Erzähler. Er lässt die Handlung in zwei Zeitebenen und auf drei Handlungsebenen spielen und bietet damit verschiedene Perspektiven auf das Geschehen, wobei er die Erzählstränge souverän in der Hand hält und sie am Ende geschmeidig und glatt miteinander verbindet. Nesbo verzichtet auf aktionsgeladene Szenen, er lässt sich und seinen Figuren Zeit. Vor allem aber ist Nesbo ein Meister der psychologischen Charakterisierung seiner Figuren. Die innere Nähe zwischen Ermittler und Attentäter wird Kapitel für Kapitel deutlicher, und gerade diese psychologische Vertiefung macht das Handeln der Personen einsichtig und nachvollziehbar. Keine der Personen ist eindeutig gut oder böse; alle sind gemischte, sehr komplexe Charaktere, deren Handeln der Leser versteht, auch wenn er es nicht billigen kann.
Zudem bettet er sie in ihre Umwelt ein, und Minnesota erscheint hier als Bild einer rassistischen Gesellschaft, in der Korruption und Machtmissbrauch an der Tagesordnung sind, in der der Rechtsstaat zunehmend ausgehöhlt wird und die Kluft zwischen Arm und Reich sich ständig vergrößert. Beklemmend.
Der Sprecher David Nathan versteht es ausgezeichnet, diesen ambivalenten Figuren stimmlich Konturen zu verleihen.
Fazit: Ein souverän strukturierter Roman über das amerikanische Waffengesetz, letztlich aber über Trauer, Verlust und Neubeginn.