Folge der Spur des Geldes...
„Interregnum“, der siebte Thriller in der Oxen-Reihe von Jens Henrik Jensen, 2026 erschienen bei dtv, formt einen literarischen Höhepunkt der Reihe und dürfte an Komplexität kaum noch zu überbieten sein. Direkt am Jahresanfang ein absolutes Highlight im Thriller-Genre
– da liegt die Messlatte ab jetzt hoch. Der Roman funktioniert wie alle Bücher der Reihe auch als…mehrFolge der Spur des Geldes...
„Interregnum“, der siebte Thriller in der Oxen-Reihe von Jens Henrik Jensen, 2026 erschienen bei dtv, formt einen literarischen Höhepunkt der Reihe und dürfte an Komplexität kaum noch zu überbieten sein. Direkt am Jahresanfang ein absolutes Highlight im Thriller-Genre – da liegt die Messlatte ab jetzt hoch. Der Roman funktioniert wie alle Bücher der Reihe auch als Stand-Alone, da mensch aber viele Details nur in der Tiefe genießen kann, wenn Kenntnis der Vorgängerromane vorliegt, würde ich empfehlen, auch die anderen Bände unbedingt zu lesen – das lohnt sich sowieso.
Wir sind zurück in der Oxen-Welt, die wir verließen mit der Information, dass der Danehof vernichtet und aufgelöst ist – als Kenner:innen haben wir natürlich damals schon geahnt, dass sich diese Information als fragwürdig herausstellen wird. Und so ist es auch, der Danehof ist noch immer aktiv und stellt sich neu auf. Wir starten gewohnt dicht und atmosphärisch eiskalt mit einem Mord, ausgeübt von einem Profi, der den Auftakt gibt zu einer enormen Verstrickung auf internationalem Terrain zwischen China und Dänemark, der alles beinhaltet, Spionage, KI, modernste Cybertechnik, international komplexe Beziehungen (jetzt weiß ich, was Panda-Politik ist), ein irres Geflecht von Menschen und Strukturen, das dem Team von Mossmann, Oxen und Franck alles abverlangt. Der Spannungsbogen flirrt durchweg, das Hirn wird maximal gefordert und kontrastiert wird dieses kalt-mörderische Gefüge ohne Grenzen mit einer warmen privaten Welt von Oxen und seinem Sohn Magnus, die ebenfalls massiv und einschneidend bedroht wird. Mittendrin eben jener Oxen, der älter werdende Jägersoldat, der noch immer mit seinem Trauma kämpft und immer weniger an die Rettung seiner Welt glauben kann. Dabei durchaus problematisch Oxens Idolisierung eines Systems der Gewalt als einziges Mittel seinem Sohn gegenüber. Auch problematisch ein sehr unmotivierter Hot Take des Autors zum Thema „Wokeness“ direkt am Buchbeginn mit einer nicht wirklich sinnvoll begründeten Position, die für den Roman keinerlei Rolle spielt – musste das sein? Da musste wohl mal was raus, dafür gibt es aber Essays... Wäre es für den Roman relevant und würde durchkonstruiert, all fine, dem ist aber nicht so – das wirft für mich dann doch die Frage auf, ob ich den Autor politisch weiter lesen möchte. Schade und unnötig. Während ansonsten Aktualität wie der Ukrainekrieg sinnstiftend und neutral elegant eingebunden wird, der Autor weiß also durchaus, wie das geht.
Die Charaktere werden konsequent aus den Vorgängerromanen weiterentwickelt, die Beziehung zwischen Oxen und Franck gewinnt neue Facetten, Mossmann muss sich zunehmend mit der eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen, auch andere alte Bekannte tauchen in gutem Rahmen auf, gepaart mit neuen Gesichtern, die wir sicher im nächsten Roman wiedersehen werden. Jensen arbeitet mit Perspektivwechseln in den Kapiteln, was dem Roman guttut und informativ bereichernd ist. Souverän arbeitet er heraus, welche Folgen der globalisierte Großkapitalismus für den Kampf von Wirtschaftsmächte hat – und wie schnell dadurch die Welt aus dem Gefüge gerät. Am Ende ist es wie so oft die Spur des Geldes, die der Schlüssel ist zu einem scheinbar befriedeten Zustand, der mit hohem Preis erkauft wird und einmal mehr Moral komplett in Frage stellt. Sind für Stabilität wirklich alle Mittel erlaubt?
Ein durchgängig packender Thriller, leider mit Abzügen in der politischen B-Note. Ein weiterer literarisch starker Teil der Oxen-Reihe auf einem extrem hohen Recherche-Niveau, den Jensen noch mit einem kurzen Nachwort zur Einordnung von facts and fiction abschließt. Leider ist mehr wahr und wirklich als erfunden. Das Real Life ist der wahre Thriller. Das Buch eine geniale Weiterentwicklung, bei der die knapp 600 Seiten in einem Rutsch verfliegen.