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Benutzername: 
Magda
Wohnort: 
Köln

Bewertungen

Insgesamt 326 Bewertungen
Bewertung vom 20.05.2025
Das Licht in den Wellen
Mommsen, Janne

Das Licht in den Wellen


ausgezeichnet

Das Licht in den Wellen von Janne Mommsen ist das erste Buch, das ich von dem Autor gelesen habe, aber ganz bestimmt nicht das letzte. Der Roman, der auf der Insel Föhr und in New York spielt, war für mich ein Highlight!
Die Rahmenhandlung spielt sich an Bord eines Kreuzfahrtschiffes auf dem Weg von Hamburg nach New York ab. Die fast hundertjährige Friesin Inge möchte noch einmal die Stadt sehen, in der sie viele Jahre ihres Lebens verbracht hatte. Urenkelin Swantje begleitet sie und nutzt die Reise für Aufzeichnungen über die aufregende und ereignisreiche Vergangenheit ihrer Uroma.
1947 ging die 24jährige Inge an Bord der „Uthlande“. Sie wollte für ein paar Monate weg aus Föhr, den Grund dafür erfahren wir erst am Ende des Buches. An Bord des Schiffes lernt sie die gleichaltrige Karolina kennen, die zu ihrer besten Freundin wird.
In New York bekommt Inge eine Anstellung im Deli des friesischen Einwanderers Gerd Jessen. In seinem Feinkostgeschäft arbeiten fast nur Friesen, die schon lange in New York leben. Neben Englisch wird Fering gesprochen, so dass Inge sich gleich heimisch fühlt.
Mehrmals schiebt sie ihre Rückreise nach Föhr auf. Dann lernt sie Hauke kennen, der ebenfalls aus Föhr stammt. Die beiden heiraten und pachten auf Long Island ein Restaurant, sie bekommen einen Sohn und schaffen es nur selten, ihre alte Heimat zu besuchen.
Inges Restaurant ist sehr erfolgreich, „Inges magic potatoe salad“ wird zum Kassenschlager, zu ihren Gästen zählen Stars und Sternchen, einmal darf sie sogar John F. Kennedy bekochen.
Die Verbindung zu Föhr reißt in den Jahren in New York nicht ab, die New Yorker Friesen feiern zusammen Silvester, gehen zur alljährlichen Steubenparade und treffen sich regelmäßig im Plattduetschen Park Restaurant. Der Föhr-Amrumer Unterstützungsverein hilft Friesen in Not.
Ende der Siebziger Jahre folgt ein Unglück dem anderen, und Inge entschließt sich zur Rückkehr nach Föhr. Doch ihr Herz hängt an New York und ihren New Yorker Freunden Karolina und Giovanni.
Ich fand es sehr spannend, Inges Leben in New York zu verfolgen, den wahr gewordenen American Dream.
Wir erfahren auch einiges über das Leben auf Föhr, mit den Gezeiten, den reetgedeckten Häusern und dem nordfriesischen Dialekt. Janne Mommsen schreibt atmosphärisch und berührend und konnte mich mit seinem New York/Föhr-Familienroman absolut begeistern.
Ich freue mich schon auf die Fortsetzung, die nächstes Jahr erscheinen soll und darauf zu erfahren, wie Inges Leben ab 1978 bis heute verlaufen ist.

Bewertung vom 12.05.2025
Der Duft der Neuen Welt / Little Germany Bd.1 (eBook, ePUB)
Nikolai, Maria

Der Duft der Neuen Welt / Little Germany Bd.1 (eBook, ePUB)


ausgezeichnet

Little Germany, der Duft der Neuen Welt von Maria Nikolai ist der Auftakt einer New York-Dilogie und spielt Anfang des 20. Jahrhunderts. Von der Autorin habe ich bereits die Bodensee-Saga sehr gern gelesen, auch mit ihrem neuen Roman konnte sie mich begeistern.
Stuttgart, 1901: Lissi arbeitet als Dienstmädchen bei der Industriellenfamilie Wagner. Sie gibt den Avancen des jüngsten Sohnes nach und wird schwanger, woraufhin seine Mutter ihr fristlos kündigt. Lissi ergattert eine Schiffspassage nach New York.
Bereits in Bremerhaven vor der Einschiffung lernt sie Julia kennen. Diese möchte ein neues Leben ohne ihren Ehemann Frederick von Varell beginnen. Sie fühlt sich gefangen in ihrer arrangierten Ehe.
Der Schiffsarzt Tobias Frey betreut Lissi vor und nach der Geburt ihrer kleinen Tochter Aurelia. Toby sucht in Amerika das Abenteuer, er möchte das Land bereisen und Land und Leute erleben.
Die beiden jungen Frau freunden sich an und finden in New York bald eine Anstellung in einer Bäckerei. Schon bald werden ihre schwäbischen Brezeln auch außerhalb von „Little Germany“, dem von Deutschstämmigen bewohnten Viertel auf der Lower East Side, berühmt.
Zu den Nebencharakteren zählen der junge Italiener Giovanni und sein spanischer Freund Bernardo. Die beiden arbeiten für Nonna Antonella, die mit kleinen Gaunereien ihr Einkommen aus einem Lebensmittelgeschäft aufbessert.
Das Buch endet mit einer Katastrophe: Dem Untergang des Raddampfers General Slocum auf dem East River am 15. Juni 1904. An Bord waren mehr als tausend Mitglieder der deutsch-amerikanischen Gemeinde, die meisten sind umgekommen, da die Schwimmwesten nicht funktionstüchtig, die Rettungsboote mit dem Schiffsrumpf verklebt waren, und die Menschen in Panik ins Wasser gesprungen und ertrunken sind. Der Untergang der General Slocum gilt als das größte zivile Schiffsunglück in den USA und die schwerste Katastrophe in der Geschichte New Yorks vor 9/11.
Der Roman enthält ein knapp fünfzigseitiges Nachwort mit einem Personenverzeichnis, unterteilt nach fiktiven und realen Personen, den historischen Hintergründen, einem Glossar und last but not least mehreren Rezepten. So können Laugen- und Zuckerbrezeln und die Torte della Nonna Antonella nachgebacken werden.
Die Autorin hat es geschafft, Wahrheit und Fiktion meisterhaft miteinander zu verknüpfen. Sie hat mich ins New York des beginnenden 20. Jahrhunderts versetzt, wo ich mit Lissi und Julia gebacken, geliebt und geweint habe. Es gibt sehr viele Nebencharaktere, die authentisch und sympathisch sind - bis auf die Kriminellen rund um Paul Kelly, einem der ersten Unterweltbosse in New York. Es passiert so viel, dass trotz des stattlichen Umfangs von 580 Seiten keine Langeweile aufkommt. Ich freue mich schon auf Band 2 und ein Wiedersehen mit New York und seinen Bewohner*innen, die ich ins Herz geschlossen habe.

Bewertung vom 10.05.2025
Maikäferjahre
Höflich, Sarah

Maikäferjahre


ausgezeichnet

Maikäferjahre ist mein erstes Buch von Sarah Höflich. Der historische Roman hat mich begeistert und tief berührt.
Dresden, 1944: Anni lebt mit ihrer neugeborenen Tochter Clara bei ihren Eltern. Ihr Vater Gottlieb ist Violinist bei der Sächsischen Staatskapelle, der älteste Sohn Siegfried ist gefallen, Annis Zwillingsbruder Tristan und ihr Mann Fritz kämpfen beide an der Front.
Gottlieb versteckt unter Einsatz seines Lebens den jungen halbjüdischen Geiger Adam Loewe. Im Februar 1945, als Dresden in einer Nacht fast vollständig zerbombt wird, schafft Anni es mit Adams Hilfe, dem Inferno zu entkommen. Mit der neun Monate alten Clara und Gottliebs Geige, einer Guarneri, brechen die Drei zu einer Odyssee durch das zerstörte Europa auf. „Amerikaner, Deutsche, Tschechen, Russen – sie alle verfolgten ihre eigenen Ziele. Und dazwischen mäanderten Millionen von Flüchtlingen unterschiedlichster Herkunft.“ (S. 165)
Währenddessen stürzt Tristan mit seinem Flugzeug in England ab. Im Krankenhaus in Portsmouth verliebt er sich in die Krankenschwester Rosalie. Ihre Liebe stößt von allen Seiten auf Widerstand. Die Situation eskaliert, als Rosalies Bruder verwundet aus dem Krieg heimkehrt, er duldet keinen „kraut“ in seiner Familie. Doch Rosalie kämpft um ihre Liebe. Ihr Vater beschafft Tristan eine Anstellung auf der Isle of Wight, wo sich die beiden regelmäßig treffen können.
Die Kapitel erzählen abwechselnd von Annis und Adams Reise von Dresden über Karlsbad, Bayreuth und München bis nach Tirol und Tristans Leben in Portsmouth und auf der Isle of Wight. Anni muss sich mehrfach sexueller Übergriffe erwehren, Adam wird mit Antisemitismus konfrontiert. Tristans Leben in England ist direkt nach Kriegsende von Deutschfeindlichkeit geprägt, was nicht verwunderlich ist. Es gibt nur wenige, die Tristan unterstützen, so wie Reverend Thomas: „Nur die Sieger, die fähig sind, ihre einstigen Feinde zu umarmen, haben ihren Sieg wirklich verdient.“ (S. 230)
Maikäferjahre hat mich berührt und gefesselt, voller Spannung habe ich Annis und Adams und Tristans und Rosalies Geschichte verfolgt. Das Buch endet in Tirol mit einem überraschenden Twist, der nach einer Fortsetzung schreit. Von mir eine große Leseempfehlung für alle, nicht nur für Leser*innen von historischen Romanen.

Bewertung vom 07.05.2025
Nur ein kurzer Sommer
Lehmann, Astrid

Nur ein kurzer Sommer


ausgezeichnet

Nur ein kurzer Sommer von Astrid Lehmann ist ein historischer Roman, der die Geschichte der deutsch-bretonischen Familie der Autorin nacherzählt. Ich habe das 270 Seiten starke Buch sehr gern gelesen, es ist spannend und kurzweilig.
1940: Die Bretagne ist von den Deutschen besetzt, wird jedoch weitgehend vom Krieg verschont. Der junge Arzt Helmut arbeitet in einem von Nonnen geführten Krankenhaus in Vannes. Neben verwundeten Soldaten werden auch viele Einheimische behandelt. Helmut verliebt sich in die ledige Mutter Anne-Marie. Die beiden erleben einen wunderschönen bretonischen Sommer, bevor Helmut an die Ostfront versetzt wird.
Helmuts Eltern und sein Bruder Emil leben auf einem Bauernhof im Schwarzwald. Emil ist ein Nachzügler, fast zwanzig Jahre jünger als Helmut. Er wird 1940 eingeschult, statt Lesen und Schreiben will der Lehrer seinen Schülern den Kampf fürs Vaterland beibringen. Emils Vater ist nach einer Verletzung im Krieg erblindet, so dass die Mutter die Arbeit auf dem Bauernhof alleine stemmen muss. Als der Familie Kriegsgefangene zugewiesen werden, muss der 6jährige Emil sie morgens abholen und abends wieder ins Lager zurückbringen – ein fünf Kilometer langer Weg durch den Wald.
Fast zwanzig Jahre später findet Emil Helmuts Briefe an Anne-Marie und beschließt, sie in Vannes zu suchen, und ihr die Briefe zu geben. Er spürt tatsächlich Anne-Maries Tochter Marie-France auf. Es ist Liebe auf den ersten Blick – Emil zieht in die Bretagne, wo er mit seiner Frau eine Crêperie eröffnet.
Neben der berührenden Liebesgeschichte zwischen einem Deutschen und einer Bretonin wird das Leben in der Bretagne und im Schwarzwald während des Krieges sehr anschaulich beschrieben: Die Arbeit in einem Krankenhaus, das Leben auf einem Bauernhof, in einem Waisenhaus und die tiefe Trauer nach dem Verlust geliebter Familienmitglieder. Am Ende des Buches steht ein Rezept für eine bretonische Spezialität: die Galette (Buchweizenpfannkuchen).
Die Geschichte von Helmut und Anne-Marie, Emil und Marie-France hat mich sehr berührt. Das Buch empfehle ich allen, die wie ich die Bretagne lieben und gern bereisen, und Leser*innen von historischen Romanen.

Bewertung vom 06.05.2025
Wut und Liebe
Suter, Martin

Wut und Liebe


ausgezeichnet

Wut und Liebe ist ein typisches Suter-Buch, das ich sehr gern gelesen habe. Hervorheben möchte ich die wunderschöne Ausstattung mit Leineneinband und Lesebändchen, das handliche Format und das hochwertige Papier.
Noah ist ein vom Publikum noch nicht entdeckter Kunstmaler. Er lebt in einer glücklichen Beziehung mit Camilla. Doch eines Tages stellt Camilla fest: Sie liebt ihn, aber nicht das Leben mit ihm. Sie will nicht weiterhin diejenige sein, die für Noahs Unterhalt aufkommt und will sich von ihm trennen.
Noah ist am Boden zerstört und will nur noch seinen Kummer in Alkohol ertränken. In der „Blauen Tulpe“ lernt er Betty kennen. Auch sie hat Kummer, denn sie trauert um ihren verstorbenen Mann Pat. Ihrer Meinung nach ist Pats Geschäftspartner Pete schuld an seinem Herzinfarkt, da er ihn jahrzehntelang ausgenutzt und ausgebeutet habe. Sie schlägt Noah einen Deal vor: Sie schenkt ihm eine Million, wenn er Pete beseitigt.
Noah überlegt sehr lange, er versucht, seine Bilder an den Mann zu bringen, er hofft, dass Camilla zu ihm zurückkehrt und einsieht, dass sie ein Leben ohne die Liebe und ohne Noah nicht führen möchte. Doch Bettys Angebot ist verlockend. Die beiden freunden sich an, sie treffen sich oft in der Tulpe oder bei Betty zu Hause und sprechen über Pat, Pete, die gemeinsame Firma der beiden, Bettys und Pats Ehe und natürlich über Camilla und die Liebe.
Suter hat mit Wut und Liebe ein großartiges Buch über die Liebe und ihre Facetten geschrieben. Er hat Noah, Camilla und Betty meisterhaft charakterisiert, so dass ich mich in alle drei gut hineinversetzen, und ihre Gedankengänge nachvollziehen konnte. Wenn die Zubereitung von leckeren Speisen beschrieben wurde, lief mir das Wasser im Mund zusammen. Vom Ende war ich – wie so oft bei Suters Büchern – sehr überrascht, nichts war wie es schien, die Ereignisse von damals und heute waren keineswegs vorhersehbar. Ich vergebe fünf Sterne und eine große Leseempfehlung.

Bewertung vom 06.05.2025
Die Frau und der Fjord
Strohmeyer, Anette

Die Frau und der Fjord


ausgezeichnet

Die Frau und der Fjord von Anette Strohmeyer ist ein atmosphärischer und berührender Roman über die Natur in der Arktis, Trauerverarbeitung und den Neubeginn nach einem tragischen Verlust.
Gro hat ein einsam gelegenes Häuschen an einem Fjord auf den Lofoten erworben. Sie hat nur wenig aus ihrem früheren Leben in Stavanger mitgenommen, am wichtigsten ist ihr die Urne mit der Asche ihres verstorbenen Mannes Nicklas. Nach seinem Unfalltod hat sie ihren hochdotierten Job als Geologin auf Ölplattformen gekündigt, sie möchte in der Einsamkeit des Fjords wieder zu sich selbst finden und ihren Verlust verarbeiten. Sie hat weder Handy noch andere elektronische Geräte mitgenommen.
Der nächste Ort ist mit dem Boot erreichbar, alle paar Wochen fährt sie hin, um einzukaufen und ihre Post abzuholen. Ihre Adresse hat sie nur wenigen Menschen gegeben, unter anderem ihrer Schwiegermutter, die die Asche ihres Sohnes an seinem Heimatort begraben will und Gro deswegen permanent mit Vorwürfen konfrontiert.
Gro erkundet den Fjord und genießt die Nähe zur Flora und Fauna der Lofoten. Aus Kräutern stellt sie Tee, Likör und Leckereien her und legt Vorräte für den Winter an.
Eines Nachts stürmt es heftig, und Gro rettet einen Schiffsbrüchigen. Ihr wird ihr bewusst, wie sehr ihr der Austausch mit anderen Menschen, Umarmungen und körperliche Nähe gefehlt haben.
Kurze Zeit später steht ihr früherer Kollege Derek vor ihrer Tür. Derek und Arne sind im Auftrag ihrer Firma auf der Suche nach Erdöl. Gro hatte bereits eine Ölquelle gefunden, was sie den beiden jedoch verheimlicht. Mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln kämpft sie dafür, die unberührte und wilde Natur der Lofoten zu erhalten.
Ich habe Die Frau und der Fjord sehr gern gelesen. Die Autorin hat mich auf die Lofoten versetzt, wo ich einen Wasserfall, den von Gro „Abgebrochener Zuckerhut“ genannten Berg, die Robbe Nicky und den Polar-Birkenzeisig Mats beobachtet habe. Ich habe Gros tiefe Trauer gespürt und mich über ihre Gefühle für Jens gefreut.
Im Nachwort erklärt die Autorin, dass Gros Geschichte auf wahren Begebenheiten beruht. Vor einigen Jahren wurde tatsächlich beabsichtigt, auf den Lofoten eine Ölplattform zu errichten. Glücklicherweise wurden diese Pläne nicht umgesetzt, und die Natur in der Arktis bleibt unberührt.
Ich lege diesen Roman denjenigen ans Herz, die sich für die Natur der Lofoten interessieren, und allen, die einen berührenden Roman über das Leben mit und nach dem Verlust eines geliebten Menschen lesen möchten. Ich vergebe fünf Sterne und eine große Leseempfehlung.

Bewertung vom 02.05.2025
Coast Road
Murrin, Alan

Coast Road


ausgezeichnet

Coast Road ist der Debütroman des irischen Autors Alan Murrin. Der Schreibstil hat mich an Graham Norton erinnert, dessen Bücher ich sehr gerne lese. Vorneweg möchte ich auf die wunderschöne Optik und Haptik des Buches hinweisen. Unter dem Schutzumschlag kommt ein wahres Schmuckstück zutage.
Ardglas, County Donegal: Oktober 1994 bis März 1995: Die Dichterin Colette Crowley hatte einige Monate zuvor ihren Mann und ihre drei Söhne verlassen, um mit einem anderen Mann in Dublin zu leben. Ein Skandal in dem kleinen Ort im konservativen, erzkatholischen Irland. Colette mietet ein Cottage von Donal und Dolores Mullen. Das Cottage liegt an der Coast Road oberhalb des Hauses der Mullens und ist von dort aus über einen kleinen Pfad erreichbar.
Ihr Mann verwehrt Colette jeglichen Kontakt zu ihren Kindern, worunter sie sehr leidet. Da kommt ihr die Idee, sich mit Hilfe von Izzy, der Mutter eines Schulfreundes ihres Sohnes Barry, mit Barry zu treffen. Izzy sträubt sich zunächst, sieht jedoch ein, dass eine Mutter Sehnsucht nach ihren Kindern hat und organisiert Ausflüge in einen Freizeitpark und ein Shoppingcenter, wo sich Colette mit Barry trifft. Der Elfjährige vermisst seine Mutter genauso wie sie ihn.
Izzy ist mit einem Lokalpolitiker verheiratet, die beiden haben Eheprobleme und sprechen manchmal wochenlang nicht miteinander. Um ihrem Zuhause zu entkommen, nimmt sie an verschiedenen Abendkursen teil. Als Colette einen Schreibworkshop anbietet, ist Izzy dabei. Die beiden Frauen freunden sich an. Izzy bewundert und bemitleidet die schöne, selbstständige Colette, die von den anderen Dorfbewohnern geächtet wird.
Neben Colette und Izzy ist Dolores Mullen ein wichtiger Nebencharakter. Dolores hat sehr jung geheiratet, nachdem Donal sie geschwängert hatte. Mittlerweile ist sie mit dem vierten Kind schwanger und unglücklich. Donal betrügt sie, worüber das ganze Dorf Bescheid weiß.
Alle drei Frauen führen unglückliche Ehen, doch eine Scheidung kommt nicht in Frage, sie ist gesetzlich verboten. Izzy beobachtet, wie sehr Colette unter der Trennung von ihren Kindern leidet und zerbricht sich den Kopf, ob eine Trennung von ihrem Mann sie glücklicher machen würde.
Erstaunlich, dass der Roman von einem Mann geschrieben wurde, da die Männer durchweg negativ dargestellt werden. Donal ist ein notorischer Fremdgeher, Shaun verbietet seiner Frau den Kontakt zu ihren Kindern, die erwachsenen Söhne lehnen ihre Mutter ab, James interessiert sich nur für seine Karriere und verbringt kaum Zeit mit der Familie. Einzig der Dorfpfarrer, der früher Polizist war, hat vernünftige Ansichten.
Ich habe das Buch sehr gern gelesen und bin in das irische Dorfleben in den 1990er Jahren eingetaucht. Mein Lieblingscharakter ist der Pfarrer mit seiner fortschrittlichen Sicht auf seine Mitmenschen und die Kirche. Über die Auflösung des Verbrechens habe ich mich sehr gefreut, da ich Bedenken hatte, dass der Mörder davonkommt. Der Roman hat mich berührt und betroffen gemacht, wie gut, dass sich die Gesetzeslage geändert hatte, und die Frauen seit November 1995 frei entscheiden können, ob sie in einer unglücklichen Beziehung verbleiben oder sich zur Scheidung entschließen. Ich freue mich auf weitere Bücher von Alan Murrin.

Bewertung vom 30.04.2025
Licht und Schatten / Montmartre Bd.1
Lacrosse, Marie

Licht und Schatten / Montmartre Bd.1


ausgezeichnet

Von Marie Lacrosse habe ich bereits die KaDeWe-Dilogie sehr gern gelesen, Montmartre steht dieser in nichts nach. Wie der Titel schon sagt, spielt der Roman in Paris im Künstlerviertel Montmartre Ende des 19. Jahrhunderts.
1879: Elise und Valérie kommen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten. Elise ist die Tochter einer Wäscherin, Valérie die eines wohlhabenden Kunsthändlers. Als wir beginnen, die beiden auf ihren Wegen durch Montmartre zu begleiten, sind sie 13 Jahre alt.
Valérie möchte Malerei studieren. Sie schafft es - nicht nur aufgrund ihres Talentes sondern auch dank der großzügigen finanziellen Unterstützung ihres Vaters - als einzige Frau an die Akademie von Fernand Cormon aufgenommen zu werden. Ihre Mitstudenten sind unter anderem Graf Henri de Toulouse-Lautrec und Pascal Didier, eine Zeit lang studiert auch Vincent van Gogh an der Akademie.
Valérie und Pascal verlieben sich ineinander, doch Valéries Eltern lehnen einen armen Kunstmaler als künftigen Schwiegersohn ab. Graf Henri Lautrec stellt den beiden seine Wohnung für Schäferstündchen zur Verfügung. Der Graf ist kleinwüchsig und leidet an einer Erbkrankheit. Sowohl Lautrec als auch seine Geliebte, die berühmte Kunstmalerin Susanne Valadon, zählen zu den historischen Persönlichkeiten, über deren Leben und Kunstwerke wir einiges erfahren.
Elise wächst als die ältere Tochter einer Wäscherin in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihre beste Freundin Louise Weber nimmt sie mit zu Tanzveranstaltungen und beschafft ihr zunächst einen Job als Aktmodell in der Kunstakademie und später als Tänzerin im Elysée Montmartre. Nach der Fertigstellung des Moulin Rouge werden beide dort angestellt.
Graf Lautrec macht Elise und Valérie miteinander bekannt. Er ist ein glühender Verehrer von Elises Kindheitsfreundin Louise, die in ganz Paris als „La Goulue“ bekannt ist. Die Cancan-Tänzerin tanzt sehr freizügig und für die damalige Zeit skandalös, sie gerät häufig mit dem Sittenwächter Coutelas aneinander.
Einige Szenen spielen sich in Freudenhäusern ab. Es war „Das goldene Zeitalter des Bordells“, die Geliebte von Valeries Vater ist eine berühmte Kurtisane, Elises Schwester gerät in die Fänge eines der vielen Zuhälter, die in Montmartre auf der Suche nach jungen Mädchen umherstreifen.
Wir erfahren einiges über wichtige Ereignisse aus der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts: Der Bau des Sacré-Coeur, für den Valéries fromme Mutter viel Geld spendet, die Errichtung des Panama-Kanals, in den ihr Vater eine große Summe investiert, der Bau des Eiffel-Turms im Rahmen der Weltausstellung in Paris von 1889 und nicht zuletzt die Entstehung von Kunstwerken berühmter Maler wie van Gogh, Degas, Gauguin und Toulouse-Lautrec.
Ich habe den ersten Band der Montmartre-Dilogie sehr gern gelesen und wurde nach Montmartre ins 19. Jahrhundert versetzt, wo ich mit Elise und Valérie gelitten, geweint und geliebt habe. Dank der akribischen Recherche der Autorin habe ich viel über Stilrichtungen, Kunstmaler und wichtige historische Ereignisse gelernt. Band 1 endet mit einem Cliffhanger, ich freue mich schon auf den Nachfolgeband, der im November erscheinen wird.

Bewertung vom 27.04.2025
Die Kammer
Dean, Will

Die Kammer


ausgezeichnet

Die Kammer von Will Dean ist der erste Thriller des Autors, der ins Deutsche übersetzt wurde. Ich hatte am Anfang Verständnisprobleme aufgrund der Fülle an technischen Begriffen, ab der Hälfte konnte ich das Buch jedoch nicht mehr aus der Hand legen.
Das Buch ist aus der Perspektive von Ellen Brooke geschrieben, einer der wenigen Frauen, die als Sättigungstaucherin arbeiten. Ellen ist seit vielen Jahren Berufstaucherin. Während ihrer regelmäßigen Einsätze bei Ölpipelines in hundert Metern Tiefe sind die Taucher von der Außenwelt abgeschnitten. Sie werden mit Essen und Zeitschriften versorgt, haben jedoch keinen Zugang zum Internet und keinen Kontakt zu Familie und Freunden. Ellen leidet sehr unter der Trennung von ihrem Mann und ihren Kindern.
Bei den Beschreibungen der Atmosphäre in der kleinen Tauchkammer hatte ich klaustrophobische Beklemmungsgefühle, sechs Personen zusammengepfercht auf einer Fläche, die etwa so groß wie ein Kleinbus ist, in gegenüberstehenden Stockbetten mit einem Tisch dazwischen. Die meisten Männer können sich nicht ausstrecken, da sie dabei mit dem Kopf an die Decke stoßen. Sie fiebern den Tauchgängen entgegen, wenn sie sich in der Weite des Meeres fortbewegen können.
Einer nach dem anderen wacht nicht mehr auf. Die Überlebenden müssen die Leichen entsorgen und aus der Kammer schaffen. Da die Todesursache unbekannt ist, verzichten sie irgendwann auf Nahrung und Wasser. Die Zeit zieht sich endlos hin, denn die Taucher müssen erst mehrere Tage in der Kammer dekomprimieren, bevor sie raus dürfen.
Am Ende des Buches gibt es ein Glossar mit Fachbegriffen zum Sättigungstauchen. Diese Begriffe hätte ich lieber vor dem Lesen am Anfang des Buches gesehen, da ich auf den ersten Seiten einige Verständnisprobleme hatte.
Die Auflösung und die Todesursache haben mich sehr überrascht. Meine Frage, warum eine Mutter einen so gefährlichen Job macht, der sie für mehrere Tage oder Wochen von der Familie fernhält, wurde beantwortet – und nein, sie macht es nicht aus finanziellen Gründen...
Ich habe den Thriller mit angehaltenem Atem verschlungen und freue mich auf weitere Bücher des Autors, die hoffentlich bei uns erscheinen werden.

Bewertung vom 23.04.2025
Die Erbin
Winter, Claire

Die Erbin


ausgezeichnet

Claire Winter zählt zu meinen Lieblingsautorinnen, ich habe alle ihre Bücher gelesen und auch Die Erbin konnte mich begeistern und tief berühren.
Köln, 1957: Cosima Liefenstein, 22, gehört einer angesehenen und erfolgreichen Industriellenfamilie an. Als sie nach einem Reitunfall im Krankenhaus die alleinerziehende Lisbeth und ihre drei Kinder kennenlernt, möchte sie der jungen Frau helfen. Als Witwe bekommt Lisbeth so gut wie keine Hilfe vom Staat. Cosima gründet eine Stiftung für bedürftige Frauen und macht auf der Gründungsfeier eine seltsame Beobachtung: Ein Mann schüttet ihrem Onkel Theodor ein Glas Sekt ins Gesicht.
Sie lernt den Journalisten Leo Marktgraf kennen, der über ihre Stiftung berichten möchte. Doch Theodor verbietet Cosima, mit dem Journalisten über ihre Familie zu sprechen.
Berlin, 1929-1944: Elisa, 17, bekommt eine Stelle als Dienstmädchen bei den Liefensteins. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wird der jüdisch stämmige Portier entlassen, die Familie pflegt Umgang mit SS-Männern und hohen Regierungsvertretern. Wilhelm Liefenstein ist ein strenges Familienoberhaupt, seine drei Söhne müssen seinen Anordnungen Folge leisten. Theodor und Albert fügen sich, nur der Jüngste Edmund hasst die neuen Machthaber: „Wir diskriminieren und demütigen Menschen, die jüdisch sind. … Wir rüsten das Land auf für einen neuen Krieg und sammeln uns in Aufmärschen vor dem Führer wie eine dumme Herde Schafe.“ (S. 256) Wilhelm verbietet Edmund den Umgang mit seinem besten Freund David Jacobsen. Elisa und Edmund fühlen sich zueinander hingezogen, doch Edmund ist verheiratet und Vater der kleinen Cosima.
1944 wird das Leben in Berlin zu gefährlich, die Liefensteins ziehen in ihr Herrenhaus im Rheinland bei Bonn.
Der Roman ist aus der Perspektive von Cosima, Leo und Elisa geschrieben. Dazwischen finden sich auch ein paar Kapitel aus der Sicht von Edmund und Theodor. Cosima stellt Fragen zur Vergangenheit ihrer Familie und zum Tod ihres Vaters Edmund, der kurz nach seiner Rückkehr von der Front bei einem Jagdunfall gestorben sein soll, doch weder ihre Mutter noch ihr Onkel sind bereit, sich dazu zu äußern. Erst ein Gespräch mit der langjährigen Köchin der Liefensteins und das Wiedersehen mit ihrem damaligen Kindermädchen bringt sie einen großen Schritt weiter.
Das Kapitel Wahrheit und Fiktion am Ende des Buches enthält viele Informationen zum Thema Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg. Familie Liefenstein ist zwar fiktiv, sie steht jedoch für Industriellenfamilien im Dritten Reich, die ihren Reichtum während des Krieges mit Hilfe von Tausenden von Zwangsarbeitern und dank Enteignungen jüdischer Betriebe aufrechterhalten, ja sogar vergrößern konnten. Zwangsarbeiter*innen, die unter menschenunwürdigen Bedingungen hausten, ohne jegliche Schutzkleidung bis zum Umfallen arbeiteten und mit minimalen Essensrationen abgespeist wurden. „Mehr als dreizehn Millionen Zwangsarbeiter*innen arbeiteten im „Deutschen Reich“. Im Sommer 1944 war jede dritte bis vierte Arbeitskraft in der Industrie ein Zwangsarbeiter.“ (S. 585) Nur sehr wenige haben von der Industrie oder vom Staat eine Entschädigung erhalten.
Erneut hat Claire Winter einen spannenden und ergreifenden historischen Roman vorgelegt, den ich jedem und jeder, auch Krimi/Thriller- und Liebesromanleser*innen, ans Herz legen möchte. Für mich ein Highlight!